„Sozusagen“

– die Lieblingskrücke der deutschen Sprache

Über den Sinn und Unsinn des „Sozusagen“

Gestern fragte mich in einem Meeting, ganz leise von Mund zu Ohr, ein Fremdsprachler der deutschen Sprache:

„Sag mal, warum sagen Deutsche ständig sozusagen – und was bedeutet sozusagen?“

Und wie das so ist: In dem Moment, in dem er das sagte, erklärte in der Tischrunde jemand, wir hätten da „sozusagen ein neues Konzept“ und das sei „sozusagen die beste Lösung“, die „sozusagen alle Anforderungen erfüllt“.

Weil selbst schön länger von dem „Sozusagen-Trend genervt“, war klar: Aus der Antwort wird kein kurzer Satz. Es wird ein Artikel. Sozusagen.

Was „sozusagen“ eigentlich sagen will

Fangen wir fair an: sozusagen ist ursprünglich ein völlig harmloses, durchaus nützliches Wort. Es bedeutet in etwa:

  • „in gewisser Weise“
  • „gleichsam“ / „wie man so sagt“
  • „ungefähr“ / „fast“
  • „im übertragenen Sinne“

Also zum Beispiel:

  • „Er ist sozusagen der Chef im Team.“
    → Offiziell vielleicht nicht, aber wer fragt, bekommt gesagt: „Geh zu ihm.“
  • „Das ist sozusagen das Herzstück unseres Produkts.“
    → Bitte nicht wörtlich verstehen, kein Organ, sondern eine Funktion.

In diesen Fällen macht sozusagen die Aussage eigentlich präziser:
Es markiert, dass etwas nicht 1:1 wörtlich gemeint ist, sondern ein bisschen bildlich, ein bisschen weichgezeichnet.

Soweit, so sinnvoll.

Wenn ein sinnvolles Wort Karriere als Füllwort macht

Doch dann geschah, was in Sprachen immer geschieht, wenn ein Wort sich nicht wehrt:
Es wurde Füllwort.

Heute hört man sozusagen eher so:

  • „Wir haben da, sozusagen, eine neue Strategie entwickelt…“
  • „Das ist, sozusagen, unser wichtigster Kunde…“
  • „Ich bin dann, sozusagen, für die Kommunikation zuständig.“

In vielen dieser Sätze könnte man sozusagen einfach ersatzlos streichen. Der Informationsgehalt würde keinen messbaren Schaden nehmen, aber die Satzlänge bräche dramatisch ein.

Man könnte sagen:

sozusagen ist das Business-„Äh“ – aber mit Anzug und Krawatte.

Es polstert die Sprache auf, damit sie nicht so hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt.

Warum manche „sozusagen“ als Unart empfinden

Jetzt könnte man das alles charmant finden – wenn da nicht drei kleine Probleme wären.

  1. Es ist überall

Hat man das Wort einmal bewusst wahrgenommen, hört man es plötzlich:

  • im Meeting,
  • im Podcast,
  • in der Talkshow,
  • im Vorstellungsgespräch,
  • in der Freizeit.

Der Effekt ist ähnlich wie bei einem tropfenden Wasserhahn: Anfangs klingt es ganz harmlos. Mit der Zeit möchte man die Hauptleitung abstellen.

  1. Es verwässert klare Aussagen

Ein Vergleich:

  • „Das ist die beste Lösung.“
  • „Das ist sozusagen die beste Lösung.“

Im zweiten Fall ist aus einer klaren Aussage ein sprachliches Gummiband geworden. Es wirkt vorsichtiger, unentschlossener – manchmal so, als wolle sich jemand schon mal vorab aus der Verantwortung mogeln, falls es doch nicht die beste Lösung ist.

  1. Es klingt klüger, als es ist

sozusagen hat eine hübsche Nebenwirkung:
Es lässt Sätze so wirken, als sei da eine ganz feine, differenzierte Nuance versteckt.

In Wahrheit ist da oft einfach nur: nichts.
Keine zusätzliche Bedeutung, keine neue Information – nur eine gut klingende, semiprofessionelle Leerstelle.

Warum benutzen Deutsche das so oft?

Kommen wir zur Lieblingsfrage von Fremdsprachlern:
Machen die Deutschen das mit Absicht?

Die kurze Antwort: nein.
Die lange: doch, aber unbewusst.

Hier ein paar Gründe, warum sozusagen ein Dauerbrenner ist:

  1. Höfliche Unverbindlichkeit

Direktheit ist im Deutschen offiziell hoch im Kurs – praktisch aber gewinnt sie an Unbeliebtheit.
Wer niemandem zu schroff begegnen will, biegt Aussagen gern ein bisschen ab:

  • Aus „Das ist falsch“ wird:
    „Das ist sozusagen nicht ganz korrekt.“
  • Aus „Das machen wir nicht“ wird:
    „Das ist sozusagen nicht unsere Priorität.“

Klingt gleich viel weniger nach Konflikt und mehr nach „Lass uns mal später nochmal drüber reden – oder nie“.

  1. Angst vor dem Falschen

Mit sozusagen lässt sich hervorragend vorbeugen:

  • „Er ist sozusagen unser Experte für Datenschutz.“
    → Falls der Betriebsrat mitliest: Das war natürlich nur „sozusagen“.
  • „Das ist sozusagen die endgültige Version.“
    → Falls jemand in zwei Tagen doch noch etwas ändern will: Auch gut.

Es ist das sprachliche Sicherheitsnetz für alle, die keine Lust auf absolute Aussagen haben.

  1. Verdecktes Denkgeräusch

Früher sagte man „äh“, wenn man nachdachte.
Heute sagt man „sozusagen“ – das klingt nach Reflexion statt nach Blackout.

Der Satz läuft weiter, alle nicken, keiner merkt, dass der Kopf kurz auf Ladebalken steht.

  1. Nachahmung aus Medien & Meetings

Wer regelmäßig Präsentationen, Podcasts und Paneldiskussionen hört, kriegt „sozusagen“ frei Haus mitgeliefert. Und wie jede anständige sprachliche Mode verbreitet es sich vorzugsweise dort, wo PowerPoint und Kaffeeflatrate aufeinandertreffen.

Wann „sozusagen“ wirklich Sinn macht

Damit es nicht zu ungerecht wird: Es gibt Momente, in denen sozusagen wirklich glänzt.

Gute Einsätze

  • Bildlich sprechen
    „Dieses Tool ist sozusagen unser Schweizer Taschenmesser.“
    → Klar: Niemand sucht jetzt im Tool-Folder nach einer Klinge.
  • Rollen unscharf beschreiben
    „Sie ist sozusagen unsere Projektmanagerin für alles Chaotische.“
    → Offiziell eine andere Jobbezeichnung, praktisch aber zutreffend.
  • Vorsichtige Annäherung
    „Das ist sozusagen der erste Entwurf.“
    → Signal: bitte nicht in Stein meißeln, sondern mit Bleistift lesen.

Schlechte Einsätze

  • Wenn es jeden zweiten Satz unterbricht.
  • Wenn es jede Aussage weichspült, die ruhig klar sein dürfte.
  • Wenn es nur da ist, weil Stille zu bedrohlich wirkt.

Der Selbsttest: Bin ich „sozusagen“-abhängig?

Ein kleiner Test zum Mitmachen:

  1. Reflektiere einen beliebigen Text von dir: eine Mail, eine Präsentation, einen Vortrag.
  2. Mach dir die Anzahl der sozusagen bewusst.
  3. Streiche gedanklich alle sozusagen probeweise.

Wenn sich der Text danach unverändert sinnvoll anfühlt, hast du sozusagen ein Füllwortproblem.
Wenn einige Fälle bleiben, in denen das Wort wirklich eine Nuance trägt – dann darf es bleiben. Als Gewürz, nicht als Grundnahrungsmittel.

Was antworte ich meinem fremdsprachigen Kollegen?

Wenn mich mein Kollege morgen wieder fragt:

„Warum sagen Deutsche ständig sozusagen – und was bedeutet das genau?“

würde ich sagen:

„Wörtlich heißt es sowas wie ‚in gewisser Weise‘. Ursprünglich ist es nützlich. In der Praxis benutzen es viele aber als eleganteres ‚äh‘ – vor allem, wenn sie sich nicht ganz festlegen möchten.“

Und wenn er dann grinst und sagt:
„Also ist sozusagen sozusagen ein deutsches Spezialeffektwort?“

Dann kann ich nur antworten:

„Ja. Und wenn du anfängst, es unbemerkt in jedem zweiten Satz zu benutzen –
dann bist du offiziell angekommen. Sozusagen Muttersprachler.“ 😄

Und damit, sozusagen, genug für heute.

„Sozusagen“

die Lieblingskrücke der deutschen Sprache

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Der Autor.

Uwe Kons ist geschäftsführender Gesellschafter der kons-ulting GmbH, Deutschland. Als Gründer ist Uwe Kons verantwortlich für die strategische Ausrichtung und die Erweiterung des Beratungsgeschäftes. Er legt Wert darauf, in Beratungsprojekten eine aktive Rolle zu übernehmen, um so seine umfassende und 35-jährige Erfahrung weiterzugeben. Uwe Kons ist Betriebswirt der Fachrichtung Wirtschaftsinformatik, zertifizierter wingwave® Coach und ausgebildet in den Methoden des NLP.

Als CEO der twenty4help Knowledge Service AG trug er strategische und operative Gesamtverantwortung und hat das ehemals deutsche Unternehmen zu einem europäisch agierenden Dienstleister mit mehr als 3500 Beschäftigten und 12 Standorten über Europa verteilt entwickelt.

In 2006 gründete Uwe Kons die kons-ulting GmbH, die sich auf  Strategieberatung, Prozessoptimierung, Personalentwicklung und Nearshore im Customer Service spezialisiert hat.